Mittwoch, 26. November 2003
Heilen wie die Schamanen
Ein Naturheilmittel hilft Einheimischen in Mexiko bei Diabetes.
Nun wird die Arznei von Medizinern getestet-
Julia Bidder
Guarumbo oder auch Chancarro nennen die mexikanischen Einheimischen einen schnell wachsenden Baum, der in tropischen und subtropischen Regionen in ganz Mittelamerika gedeiht.
Aus seinen Blättern gewinnen die Curanderos, die Heiler der Einheimischen, eine Medizin für Zuckerkranke.
Künftig soll dieses Naturheilmittel auch deutschen Diabetikern helfen, ihren erhöhten Blutzuckerspiegel wieder in den Griff zu bekommen. Ethnopharmakologen untersuchen mit wissenschaftlichen Methoden, wie Heilkundige verschiedener ethnischer Gruppen in aller Welt Kranke behandeln - etwa in Mexiko, Peru, aber auch in Indien, Tibet und China. Helmut Wiedenfeld, Pflanzenchemiker und Pharmazeut an der Universität Bonn, hat sich eingehend mit der Heilwirkung mexikanischer Pflanzen beschäftigt.
Er erforscht, wie Heiler der Nachfahren von Azteken und Maya Einheimische behandeln, die unter Diabetes Typ 2 leiden. Aufguss statt Tabletten
Bei diesem so genannten Altersdiabetes produzieren die B-Zellen der Bauchspeicheldrüse zwar ausreichend Insulin. Dieser Botenstoff sorgt bei gesunden Menschen dafür, dass die Zellen des Körpers Zuckermoleküle aus dem Blut aufnehmen.
Beim Diabetes Typ 2 reagieren die Körperzellen aber nur noch schlecht auf den Botenstoff und nehmen zu wenig Zucker auf.
In Europa wird der Altersdiabetes meist mit Tabletten behandelt, die helfen, die Körperzellen wieder empfänglich für Insulin zu machen.
Da Übergewicht und mangelnde Bewegung die Entstehung von Diabetes Typ 2 begünstigen, gilt diese Form der Zuckerkrankheit hier zu Lande als Zivilisationskrankheit.
In Deutschland leiden etwa acht bis neun Prozent der über 50-Jährigen daran und sind deshalb in medizinischer Behandlung. Weitere acht Prozent haben Diabetes, ohne davon zu wissen.
Laut Schätzungen der Deutschen Diabetes-Stiftung wird sich die Zahl der Zuckerkranken in der Bundesrepublik bis 2010 verdoppeln.
Aber auch in industriell weniger entwickelten Ländern wie Mexiko ist das Leiden weit verbreitet.
Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO wird es 2010 in Mexiko zehn Millionen Diabetiker geben. Jeder Siebte wird dort an dieser Krankheit leiden.
"Der Diabetes-Boom in Mexiko geht zum Teil auf die genetische Veranlagung der Einheimischen zurück", erläutert Wiedenfeld. Doch auch andere Faktoren führen dazu, dass immer mehr Mexikaner an Diabetes erkranken. Mittlerweile gebe es koffeinhaltige, zuckerreiche Limonaden bereits in den abgelegensten Dörfern, berichtet der Bonner Forscher. Deren Konsum begünstigt Diabetes bei Menschen mit entsprechender Veranlagung.
"Einige Schamanen haben mittlerweile erkannt, dass zwischen süßer Limonade und süßem Urin ein Zusammenhang besteht, und empfehlen Betroffenen, nur noch Limo mit Süßstoff zu trinken", sagt Wiedenfeld.
Er und seine Kollegen fahndeten in einer breit angelegten Studie in sämtlichen mexikanischen Bundesstaaten nach einheimischen Gewächsen mit Heilwirkung bei Diabetes.
Sie stießen dabei auf mehr als hundert Arzneipflanzen, die Schamanen bei Zuckerkranken einsetzen.
Darunter sind Asterngewächse wie Ageratina- oder Eupatoriumarten, die mit unserem heimischen Wasserdost verwandt sind.
Vier davon werden zurzeit in Bonn und Mexiko untersucht, darunter auch der Baum Guarumbo oder Chancarro, wissenschaftlich Cecropia obtusifolia genannt.
Aus den Blättern dieser Pflanze stellen mexikanische Schamanen für Diabetiker einen kalten Aufguss her: das Agua de Uso - Wasser zum Gebrauch.
Patienten trinken von der trüben Flüssigkeit täglich zwei Tassen, um ihren Blutzuckerspiegel zu normalisieren.
Wiedenfeld und sein Team analysierten den Pflanzenextrakt und identifizierten bereits mehrere Wirkstoffe, darunter Isoorientin, Chlorogensäure sowie einige Flavonoide.
Wie sie genau wirken, wissen die Forscher noch nicht. Aber im Laborexperiment vermochte ein Cecropia-Extrakt den deutlich erhöhten Blutzuckerspiegel diabetischer Ratten für etwa sechs bis acht Stunden zu normalisieren.
Schon eine einzige Gabe von in Wasser gelöstem Trockenextrakt senkte nachweislich erhöhte Blutzuckerspiegel.
Damit war Cecropia die wirksamste Heilpflanze, die Wiedenfeld und sein Team bisher untersucht haben.
Publikationen zu aktuellen Untersuchungen sind zurzeit in Vorbereitung. Zudem läuft eine erste klinische Studie mit 20 Patienten in ei-nem mexikanischen Krankenhaus. Weitere Studien sollen folgen, denn ein deutsches Pharmaunternehmen hat bereits Interesse an der Naturarznei gezeigt.
Wie bei allen Naturheilmitteln schwankt auch bei Cecropia der Wirkstoffgehalt je nach Erntezeitpunkt und Alter der Pflanze. Die Bonner Forscher ermitteln zurzeit ein Wirkstoffprofil, in dem auch solche Schwankungen genauestens erfasst werden - ein bei Naturheilmitteln gängiges Verfahren. Ziel ist es, einen standardisierten Pflanzenextrakt zu entwickeln, bei dem der Gehalt der wirksamen Substanzen nur noch minimal schwankt.
Cecropia lässt sich in Mittel-amerika hervorragend kultivieren. In Europa müsste die Pflanze hingegen in Gewächshäusern gezüchtet werden.
Daher möchte Wiedenfeld die Heilpflanze im großen Stil in Mexiko anbauen lassen - auch, um den einheimischen Bauern eine neue Einnahmequelle zu sichern.
Doch möglicherweise lassen sich die Wirkstoffe auch auf biotechnologischem Weg gewinnen: "Wir erproben zurzeit, ob auch Zellkulturen von Cecropia die gewünschten Wirkstoffe im Labor produzieren können", sagt Wiedenfeld.
Das Originalrezept der mexikanischen Schamanen könnte in Deutschland nie zugelassen werden, denn der Aufguss ist nur einen Tag haltbar. "Die Wirkstoffe zersetzen sich schnell. Außerdem könnten Bakterien und Pilze den Heiltrank verunreinigen", erläutert der Bonner Chemiker.
Seine Arbeitsgruppe hat bereits herausgefunden, wie man die Zubereitung der Blätter technisch nachahmen kann: ein speziell hergestellter Trockenextrakt von Cecropia wirkt genauso wie das Agua de Uso.
"Diesen Extrakt könnte man beispielsweise in Gelatinekapseln füllen und in dieser Form als Medikament auf dem deutschen Markt zulassen", sagt Wiedenfeld.
Denkbar sei auch eine preiswertere Darreichung als Instant-Tee, etwa für die mexikanische Bevölkerung.
Medikament aus den Tropen
Doch das Naturheilmittel Cec-ropia ist nicht frei von Nebenwirkungen.
So können Extrakte aus der Pflanze Übelkeit und allergische Reaktionen auslösen.
Wiedenfeld ist jedoch zuversichtlich, dass das Wissen der Schamanen auch dieses Problem lösen kann:
"In der Ethnopharmakologie können wir auf jahrhundertelange Erfahrungen mexikanischer Heiler zurückgreifen und dadurch Nebeneffekte minimieren."
Die Wissenschaftler ahmen die Schamanen nach, indem sie zum Beispiel das Medikament in der gleichen Dosis und zur gleichen Tageszeit verabreichen wie die Einheimischen.
Die Mexikaner trinken das Agua de Uso morgens und abends vor den Mahlzeiten.
"Auch deutsche Diabetiker sollten das Medikament nüchtern einnehmen", folgert Wiedenfeld. Er glaubt, dass der Cecropia-Extrakt gute Chancen hat, hier zu Lande zugelassen zu werden.
Damit wäre es laut Wiedenfeld das erste Medikament, das von Ethnopharmakologen entdeckt wurde und in Deutschland auf den Markt kommt.
Wann Cecropia-Präparate hier erhältlich sein werden, kann der Bonner Wissenschaftler allerdings noch nicht sagen.
Quelle:
http://www.berlinonline.de/berliner-zei ... 95828.html
Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen. (Allgemeine Erklärung der Menschenrechte)